Sitzen bleiben. Und warum der Rat von Fremden durchaus hilfreich sein kann.
Kürzlich Abends, München Hauptbahnhof, hat mir ein Fremder einen guten Rat gegeben.
Ich saß allein im Abteil. Ein junger Mann kam dazu. Kurz vor der Abfahrt die Durchsage: „Personen im Gleis“, Verzögerung, unbekannte Wartezeit.
Ich hatte bereits meinen ursprünglich gebuchten Zug im Blick – einen späteren, der noch am Bahnsteig stand. Ich war kurz davor aufzustehen.
Der junge Mann sagte: „Bleib. Der andere fährt definitiv nach uns.“
Ich schaute ihn an. Leicht genervt. Woher will er das wissen?
Er erklärte es mir ruhig: Er ist selbst Zugführer. Er kannte die Taktung, die Logik dahinter, die Gründe, die ich nicht sehen konnte.
Ich blieb sitzen. Der Zug fuhr ab – früher als erwartet. Und aus zehn Minuten gemeinsamer Wartezeit wurde eine der angenehmsten Zugfahrten seit langem.
Das erste Learning: Auf das Know-how anderer vertrauen – auch ohne den Hintergrund zu kennen.
Ich wusste nicht, wer dieser Mann war. Ich hatte keinen Grund, ihm zu glauben – außer dem, was er sagte, und der Art, wie er es sagte.
Wir sind es gewohnt, Hinweise zu filtern. Wer sagt das? Mit welcher Autorität? Welches Interesse steckt dahinter? Das ist nicht falsch. Aber manchmal verhindert genau dieser Reflex, dass wir einfach zuhören.
In diesem Moment hatte ich die Wahl: aufspringen und das Bekannte wählen – oder bleiben und dem Urteil eines anderen vertrauen.
Ich habe mich fürs Bleiben entschieden. Und bin damit besser gefahren.
Im übertragenen Sinne tue ich das selten genug.
Das zweite Learning kam später in der Fahrt.
Wir sprachen über seinen Weg. Er hatte vorher im Projektmanagement gearbeitet – Deadlines, Abgabetermine, KW soundso. Er kannte das Gefühl, immer gegen einen Horizont zu arbeiten, der sich nie wirklich nähert.
Dann wechselte er. Wurde Zugführer.
„Der Unterschied“, sagte er, „ist das Hier und Jetzt. Gestern, heute, morgen – das zählt. Nicht ein Abgabetermin in acht Wochen. Das beruhigt mich.“
Ich habe diesen Satz lange nachklingen lassen.
Die Türen sind zu. Der Zug fährt. Ich kann es nicht ändern.
Es gibt ein Buch, das genau das beschreibt – „One Thing“ von Gary Keller. Die Idee ist einfach: Eine Aufgabe. Jetzt. Vollständig. Nicht zehn Dinge gleichzeitig, nicht im Gedanken schon beim nächsten Termin.
Was der junge Zugführer beschreibt, ist keine Arbeitsmethode. Es ist eine Haltung. Eine innere Entscheidung, sich nicht vom nächsten Horizont regieren zu lassen, sondern von dem, was gerade ist.
Zwei Gedanken aus einer Zugfahrt, die ich nicht geplant hatte.
Offenheit für den Hinweis eines Fremden. Und die Erinnerung, dass das Hier und Jetzt meistens mehr hergibt als die Sorge um das Danach.
Ich bin dankbar für dieses Gespräch. Und ein bisschen dafür, dass der Zug Verspätung hatte.

